Selbst während die Erde schläft, reisen wir. Wir sind die Samen der beharrlichen Pflanze, und in unserer Reife und unserer Fülle des Herzens werden wir dem Wind preisgegeben und verstreut. Kurz waren meine Tage unter euch und kürzer noch die Worte, die ich gesprochen habe. Doch sollte meine Stimme in euren Ohren verklingen und meine Liebe eurer Erinnerung entschwinden, dann werde ich wiederkommen, und mit reicherem Herzen und dem Geist willfährigeren Lippen werde ich sprechen. Ja, ich werde wiederkehren mit der Flut, und mag der Tod mich verbergen und die größere Stille mich umhüllen, ich werde dennoch wieder euer Verstehen suchen.

 

Und nicht vergeblich werde ich suchen. Wenn etwas wahr ist, das ich gesagt habe, wird diese Wahrheit sich in einer klareren Stimme offenbaren und in Worten, die euren Gedanken enger verwandt sind. Ich fahre mit dem Wind, Leute von Orfalis, aber nicht in die Leere hinunter. Und wenn dieser Tag nicht eine Erfüllung eurer Bedürfnisse und meiner Liebe ist, dann lasst ihn ein Versprechen auf einen anderen Tag sein.

Die Bedürfnisse des Menschen ändern sich, aber nicht seine Liebe und nicht sein Wunsch, dass seine Liebe seine Bedürfnisse befriedigen sollte. Darum wisst, dass ich aus der größeren Stille zurückkehren werde. Der Nebel, der in der Morgenröte wegzieht und nichts als Tau auf den Feldern zurücklässt, wird emporsteigen und sich in einer Wolke sammeln und dann im Regen niederfallen.

Und nicht viel anders als der Nebel bin ich gewesen. In der Stille der Nacht bin ich durch eure Straßen gegangen, und mein Geist ist in eure Häuser eingekehrt. Und eure Herzschläge waren in meinem Herzen, und euer Atem war auf meinem Gesicht, und ich kannte euch alle. Ja, ich kannte eure Freude und euren Schmerz, und wenn ihr schlieft, waren eure Träume die meinen. Und oft war ich unter euch, ein See zwischen Bergen. Ich spiegelte die Gipfel in euch und die sich neigenden Abhänge und sogar die vorbeiziehenden Herden eurer Gedanken und eurer Wünsche. Und in meine Stille drang das Lachen eurer Kinder in Bächen und die Sehnsucht eurer Jugendlichen in Strömen. Und als sie meine Tiefen erreichten, hörten die Bäche und die Ströme noch nicht auf zu singen.

Aber Süßeres noch als Lachen und Größeres noch als Sehnsucht kam zu mir. Es war das Grenzenlose in euch, der unermessliche Mensch, in dem ihr nichts anderes seid als Zellen und Sehnen. Er, in dessen Gesang all euer Singen nichts als ein tonloses Pochen ist. In ihm, dem unermesslichen Menschen, seid ihr unermesslich, und in dem ihr ihn erschautet, erschaute ich euch und liebte euch.

Denn welche Entfernungen kann Liebe erreichen, die nicht in jener unermesslichen Sphäre sind? Welche Visionen, welche Erwartungen und welche Mutmaßungen können sich höher aufschwingen als ihr Flug? Wie eine riesige Eiche, bedeckt mit Apfelblüten, ist der unermessliche Mensch in euch. Seine Macht bindet euch an die Erde, sein Duft hebt euch in den Raum, und in seiner Dauerhaftigkeit seid ihr unsterblich. Euch ist gesagt worden, dass ihr gleich einer Kette so schwach seid wie euer schwächstes Glied. Dies ist nur die halbe Wahrheit. Ihr seid auch so stark wie euer stärkstes Glied.
Euch nach eurer geringsten Tat zu messen, heißt, die Kraft des Ozeans nach der Zartheit seines Schaums zu berechnen. Euch nach euren Misserfolgen zu beurteilen, heißt, den Jahreszeiten ihre Unbeständigkeit vorzuwerfen. Ja, ihr seid wie der Ozean, und obwohl fest verankerte Schiffe an euren Küsten die Flut erwarten, könnt ihr wie der Ozean doch nicht die Flut schneller herbeiführen.

Und auch wie die Jahreszeiten seid ihr, und obwohl ihr in eurem Winter euren Frühling leugnet, ruht doch der Frühling in euch und lächelt in seiner Benommenheit und ist nicht gekränkt.

Glaubt nicht, ich sage diese Dinge, damit der eine zu dem anderen sagt: "Er hat uns hoch gelobt. Er sah nichts als das Gute in uns." Ich drücke nur in Worten für euch aus, was ihr in Gedanken selber wisst. Und was ist Wissen in Worten anderes als ein Schatten wortlosen Wissens?

Eure Gedanken und meine Worte sind Wellen aus einem versiegelten Gedächtnis, das Bericht gibt von unseren gestrigen Tagen, und von den alten Tagen, da die Erde weder uns noch sich selber kannte, und von den Nächten, da die Erde in Verwirrung aufgewühlt war. Weise sind zu euch gekommen, um euch von ihrer Weisheit zu geben. Ich kam, um von eurer Weisheit zu nehmen: Und, seht, ich habe gefunden, was größer ist als Weisheit. Es ist ein Flammengeist in euch, der sich immer mehr steigert, während ihr, seiner Entfaltung ungeachtet, das Vergehen eurer Tage beklagt. Es ist das Leben auf der Suche nach Leben in Körpern, die vor dem Grab erzittern.

Hier gibt es keine Gräber. Diese Berge und Ebenen sind eine Wiege und ein Trittstein. Wann immer ihr an dem Feld vorbeikommt, in dem ihr eure Vorfahren beigesetzt habt, schaut richtig hin, und ihr werdet euch und eure Kinder Hand in Hand tanzen sehen. Wahrhaftig, ihr seid oft vergnügt, ohne es zu wissen. Andere sind zu euch gekommen, denen ihr für goldene Versprechungen, die sie euch auf euer Vertrauen hin gemacht haben, Reichtum, Macht und Ruhm gegeben habt.
Weniger als ein Versprechen habe ich gegeben, und doch seid ihr großzügiger zu mir gewesen. Ihr habt mir meinen tieferen Lebensdurst gegeben. Sicher gibt es kein größeres Geschenk für einen Menschen als das, was all seine Ziele zu brennenden Lippen und alles Leben zu einem Brunnen macht. Und darin liegt meine Ehre und meine Belohnung: Wann immer ich zum Trinken an den Brunnen komme, finde ich das lebendige Wasser selber durstig, und es trinkt mich, während ich es trinke.   ZURÜCK

 

Khalil Gibran